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Ist
der Schlafende bewusstlos ?
Grenzzustände
des Bewusstseins
Vortrag 3. Jahrestreffen der ARGE Basale Stimulation
© Dr. Dietmar Weixler
"Der
Schlaf ist eine natürlich wiederkehrende Bewusstlosigkeit ......
....... für die wir nicht einmal einen Grund kennen"
John C. Eccles, Neurophysiologe und Nobelpreisträger (1)
Das Gehirn wird
als hochkomplexes ganzheitlich aufgebautes funktionelles System
angesehen (Lurija)(2) -
aufgrund der Komplexität ist eine direkte topische Zuordnung
einer Läsion zu einer Funktionsstörung nicht möglich,
sondern es sind vielmehr Systeme zu denken, Regelkreise, die einander
beeinflussen, steuern und modulieren.
z.b. kommt eine
willkürliche Bewegung einer Extremität nicht allein
durch Efferenzen - also Signalen von zentral nach peripher zustande,
sondern NUR im Zusammenwirken mit afferenten Impulsen(1)
:
um zielgerichtet zu sein, bedarf die Bewegung fortlaufend der Informationen
über die Lage der Extremität,
den Muskeltonus aller mitwirkenden Muskeln -
sie wird durch diese Informationen fortwährend korrigiert
-wie ein Servosystem .
Als Vorraussetzung für die Bewegung muss ein Plan bestehen,
ein Ziel, sie muss flüssig und koordiniert sein.
Bewegungen sind
so variabel und besitzen einen derartig hohen Freiheitsgrad,
dass es unmöglich ist, dass sie nur aus efferenten Impulsen
gespeist werden.(1)
Warum sind klinische Prognosen schwierig ?
Die Vorraussagen, welche Folgen eine umschriebene Hirnläsion
zeitigen wird,
sind dadurch erschwert, weil
1. keine Läsion scharf begrenzt ist
2. nie alle Nervenzellen in der Läsion zerstört sind
3. nicht vorhersehbar ist, ob eine Verletzung erregende oder hemmende
Wirkungen auf das System haben wird.
4. Letztlich führt jede Hirnläsion unabhängig von
ihrer Lokalisation zur Reorganisation durch funktionstüchtige
Hirnanteile.
JEDE Hirnläsion - unabhängig von ihrer Lokalisation führt
zu einer pathologisch gesteigerten Hemmung von Gedächtnisspuren
(1)
Die Lateralisierung,
die funktionelle Trennung von linker und rechter Hemisphäre
in dominante und nichtdominante Hemisphäre
( üblicherweise ist die linke Hemisphäre die dominante,
jedenfalls beim Rechtshänder ) -
ist ein entwicklungsgeschichtlicher Prozess -
ein Phänomen, das nur beim Menschen auftritt
und das mit der Händigkeit und der Sprachentwicklung
zu tun hat.
Durch die Lateralisierung und die Sprachgebundenheit vieler
Hirnleistungen sind Störungen höherer psychischer Funktionen
jedenfalls bei Verletzungen der linken Hemisphäre zu erwarten.
Jede Apraxie
, also Handlungsstörung, weist auf eine umschriebene (und nicht
diffuse) Schädigung hin
D.h. zusammengefasst
:
eine exakte Prognose hinsichtlich Behinderung ist nicht zu treffen
Gedächtnislücken, sozusagen "amnestische Fenster"
sind zu erwarten
ist die linke Hirnhälfte betroffen, so sind (vorübergehende
?) Störungen der psychischen Äußerungen zu erwarten
- v.a. Sprachstörungen.
Welche Hirnanteile oder -systeme sind notwendig, um wach zu sein
?
A) Die Formatio
reticularis (ARS - ascendierendes retikuläres System):
ist ein neuronales Netzwerk von Zellaggregaten, mit vielen Verbindungen
untereinander - lokalisiert im Hirnstamm, im Mittel- und Zwischenhirn
,
das fein abgestuft den Cortex aktivieren kann
mit Verbindungen zum
a) Cortex
b) Thalamus
c) limbischen System
d) Kleinhirn
Aktiviert
wird das ARS durch:
1. den Metabolismus im weiteren Sinn,
d.h. Signale aus dem Körper, die das innere Milieu konstant
halten sollen,
bzw. im eigentlichen dem Erhalt der Species dienen sollen -
die Steuerung erfolgt über den Hypothalamus
(Hunger, Durst, Appetit, Konstanz im Wasser- und Elektrolyt- und
Zuckerhaushalt, Regulierung der Keimdrüsentätigkeit,....)
2. Reize
aus der Aussenwelt :
Der Mensch lebt in einer Welt ununterbrochen eintreffender Information.
Wenn er von diesem Informationsfluss abgeschnitten wird,
fällt er in einen Schlafzustand ( letzte Phase der sensory
deprivation)
3. Einflüsse
des selbstbewussten Geistes
(Absichten, Pläne, Vorhaben, ....) -alle Programme,
die sich unter Beteiligen des zunächst äußeren,
dann inneren Sprechens verwirklichen wollen.
....... wobei
in 2. auch das Gedächtnis in modulierender Gestalt des Nucleus
caudatus und der Hippocampusregion eingebettet ist,
um eine Unterscheidung ALT/BEKANNT - NEU/UNBEKANNT -
GEWOHNT/UNGEWOHNT zu vermitteln.
Das "Gesetz
der Stärke" ( schwache Reize führen zu schwachen
Reaktionen, starke Reize zu starken Reaktionen) gilt nur für
den Wachzustand - aus dem Schlaf heraus führen
ALLE Reize zu starken Reaktionen.
Zusammengefasst ist die Formatio reticularis
das zentrale Element zur Aufrechterhaltung der Wachheit,
sozusagen der "Motor der Wachheit",
zur Aufrechterhaltung des kortikalen Tonus.-
ihre Aktivierung steigert die Erregbarkeit,
schärft die Wahrnehmungsempfindlichkeit
und verstärkt die motorische Reaktion auf Reize.
Eine Verletzung der betreffenden Region führt zu Schlaf mit
synchronisierten EEG-Wellen bis zum Koma.
B) Das zweite System zur Aufrechterhaltung der Wachheit ist das
limbische System,
ein stammesgeschichtlich alter Hirnanteil, das unsere Triebe,
Affekte und Emotionen moduliert.
Den Besitz dieses Hirnanteils haben wir mit den Reptilien gemeinsam,
das entwicklungsgeschichtliche Alter bedingt, dass hier Einflüsse
ihre Wirkung entfalten, die sich unserem Bewusstsein weitgehend
entziehen bzw. in ihrer
Kontrollierbarkeit ein gewisses Konfliktpotential beinhalten.
Der 1. Hirnnerv,
der N. olfactorius, der die Riechempfindungen vermittelt
wird dem limbische System zugerechnet -
er entlässt seine Impulse - gnadenlos -
an den ältesten und unkontrollierbarsten Anteil unseres Wesens:
und jeder kennt die dramatische Wirkung von Gerüchen auf
unsere Emotionen
(der vertraute Geruch beim Eintritt in das Elternhaus ,
der die Gestimmtheit bei seinem Betreten gleichsam unterschiebt,
der betörende Duft einer Frau - bzw. möglicherweise eines
Mannes,
der grauenerregende Gestank eines ..............
der Geruch ist schon rein sprachlich leicht mit Emotionalität
verknüpfbar.(3)
Auch die medialen
Stirnlappenbereiche werden dem limbischen System zugerechnet:
C) Der Stirnlappen ist das System zur
Programmierung
Steuerung und Kontrolle bewusster Tätigkeit.
Er bedingt die
höhere Form der Wachheit entscheidend -
die durch unser Bewusstsein steuerbare Form, Aufmerksamkeit , Absichten,
Pläne , Motivation, kritische Beurteilung,
die Kontrolle der komplexesten Form zielgerichteter Tätigkeit.
Durch seine Tätigkeit wird der Wachheitsgrad zum Durchführen
komplexer Aufgaben erreicht.
Aufmerksamkeit
bedeutet Gerichtetheit und Selektivität,
wir reagieren ja bekanntlich nur auf einen Bruchteil von Reizen,
Reize die stark sind, die uns wichtig sind ,
mit unserem Interesse, Vorhaben oder unmittelbaren Aufgaben verbunden
sind.
Das bedeutet also Auswahl und Überwachung zielgerichteter Tätigkeit.
Der kortikale
Tonus der Wachheit ergibt sich aus der
sprachlichen Formulierung eines Problems,
beim reifen Gehirn durch das sprachgebundene Denken,
die Vorstellung von Ereignissen.
Im EEG zeigt sich dazu korrespondierend eine Desynchronisation,
praktisch Unordnung.
Ich erinnere
an die Verbindungen des Stirnhirns mit dem limbischen System:
praktisch an die Erfahrung, dass Gefühle unsere Absichten beeinflussen,
unsere Pläne , bis hin zu Entscheidungen,.......
......... an die Erfahrung, dass unsere Triebbedürfnisse steuer-
und kontrollierbar sind
(meines Erachtens findet der Freud´sche ES-ÜBERICH-Konflikt
in der Kommunikation Frontalhirn und limbisches System seine Abbildung)
Frontalhirnläsionen
sind demnach durch folgende Symptome gekennzeichnet:
a) Störungen der Wachheit mit traumartigen Zuständen
b) verminderte Kritikfähigkeit
c) grobe Gedächtnisstörungen
d) vollst. Desorientiertheit
e) Konfabulationen ( Daherreden ohne Zusammenhänge, Füllen
von Lücken )
In Ihrem Bemühen mit den Patienten in Kontakt zu kommen, werden
Sie immer wieder auf Kommunikationsschwierigkeiten stoßen,
die ihre organische Begründung haben, da der sensorische
Zugang bei den Patienten verändert ist.
Daher ein kurzer Anhang über spezielle, beziehungsstörende
Lokalsyndrome bei Hirnläsionen :
Läsionen der parietookzipitalen Region RECHTS :
führen zu linksseitiger räumlicher Agnosie (Störung
des Erkennens) für alle taktilen und visuellen Wahrnehmungen
der gesamten LINKEN Körperhälfte
- Unaufmerksamkeit (neglect) der linken Körperseite
- Störung des Körperschemas ("Deformiertheit")
- fehlende Raumwahrnehmung links
- Hemianopsie links
- Störung der Raumorientierung
- Agnosie
Verletzungen des LINKEN Temporallappens (Feld 21,22 n. Brodmann)
führen zur sensorischen Aphasie, einer Sprechstörung,
bei der es zur Entfremdung für Wortbedeutungen kommt - bis
hin, dass bei großen Verletzungen Sprache als unartikulierte
Geräusche empfunden wird
(z.B. Plätschern eines Baches, Rascheln von Laub)
Der Schlaf
ist nach Eccles
und Popper eine physiologische Bewusstseinslücke
im Ich-Erleben(2) -das ICH, dessen Basis die personale Identität,
Integrität und Kontinuität ist.
Nach dem Modell der Nobelpreisträger Eccles und Popper ist
das Bewusstsein mit dem Gehirn nicht ident, es hat keine
räumliche Entsprechung, sondern es korrespondiert mit dem
Gehirn, ist sozusagen mit ihm in Liaison.
Das Gehirn ist gleichsam der Vermittler zwischen den äusseren
Welten
und dem Bewusstsein.
Die Tätigkeit
des Bewusstseins ist stark vereinfacht das Abtasten und Auswählen
der Aktivität der funktionellen Systeme der Großhirnrinde.
Verfügbar für dieses Herauslesen von Informationen sind
alle Abschnitte der dominanten Hemisphäre, die sprachliche
und gedankliche bzw. polymodale Inputs besitzen.
Im Schlaf wird
die Hirnaktivität,
die sich elektroencephalographisch abbilden lässt ungeordneter,
das Bewusstsein sieht gleichsam, dass nichts "herauszulesen"
ist.
Plötzlich gibt es keine Daten mehr - Bewusstlosigkeit.
Alle 2-3 Stunden tritt rhythmisch eine Hirnaktivität
auf, die organisiert ist,
paradoxer Schlaf oder REM-Schlaf (rapid eye movements).
Während dieser Ereignisse findet das Bewusstsein aktive funktionelle
Einheiten vor - mit seltsamen bis bizarren Empfindungen : den Traum.
Interessanterweise kann man sich nur dann an einen Traum erinnern,
wenn man
danach aufwacht (2)
Nach Eccles
und Popper ist der Schlaf Bewusstlosigkeit,
weil die Aktivität des Bewusstseins unterbrochen ist.
Es ist interessant, dass es Ähnlichkeiten zwischen dem physiologischen
REM-Schlaf und den Veränderungen durch Einwirkung von Narkotika
gibt:
Steriade behauptet nicht nur, dass Schlaf ein Bewusstseinszustand
ist,
sondern dass er aktiv vom Gehirn generiert wird.(4)
Eine Schlüsselstellung darin habe die o. erwähnte Formatio
reticularis.
Sowohl im REM-Schlaf
und bei Allgemeinanaesthesie komme es zu :
> Hyperpolarisation der a-Motoneurone (à Muskelatonie)
> veränderter Temperaturregulation
> veränderter Frequenz und Amplitude im EEG-Bild
> dikonjugierten Augenbewegungen
> Atemdepression
> reduzierter sensorischer Verarbeitung
Der REM-Schlaf sei durch muskarinische cholinerge Rezeptoren in
der medianen pontinen Formatio reticularis reguliert(16)
Gibt es während einer Vollnarkose Wahrnehmungen ?
Ja.
Nachuntersuchungen an großen Patientenkollektiven ließen
eine sehr vage quantitative Einschätzung dieses Phänomens
erkennen:
Wahrnehmung und Erinnerung während Allgemeinanaesthesie
(5)
Wachheit*. ohne Schmerz 2-4/1000 Narkosen
Wachheit mit Schmerz 1/10000 Narkosen
Wahrnehmungen ohne Wachbewusstsein 1/100
Bekannt ist
das Phänomen (*conscious awareness) seit den 50er Jahren ,
also der Äther-Aera , jedoch herrschte unter den Anaesthesisten
bis in die 90er-Jahre eine große Ignoranz.
Patienten, die
während eines Eingriffs das Bewusstsein erlangen, haben äußerst
qualvolle Erfahrungen von Angst und Hilflosigkeit, sie fühlen
sich einer Situation passiv ausgesetzt, in der sie keine Kontrolle
haben ......
Die Folge ist mitunter eine "posttraumatic stress disorder"
1. wiederkehrende andrängende Erinnerungen, Träume an
das Ereignis bis zur Empfindung, dass es wiederkehrt (flashback)
2. Stresssymptome und gedankliche Assoziationen
3. Vermeiden von Gedanken und Situationen, die thematisch in die
Nähe führen
4. schwerste Störungen im Bereich der Affekte und Beziehungen
5. Schlafstörungen, Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen,
Schreckreaktionen, Andrängen von Gedanken wie "Gewissheit
bald sterben zu werden", "geliebte Menschen sterben",
"Haus brennt ab",.....
6. Dauer > 1 Monat
Wir haben keine
verlässlichen Zeichen, die beweisen, dass das Bewusstsein während
Narkose ausgeschaltet ist.
Natürlich gibt es Hilfsmittel, wie die mediane EEG-Frequenz,
SSEP N20 und P25 (die aber eher mit Analgesie korrelieren) und neuerdings
die Bispectralanalyse, wir wissen, dass die Narkosetiefe mit der
Konzentration der Substanzen im Gehirn korreliert.
Unter praktischen Bedingungen ist es aber für den individuellen
Fall nicht vorhersehbar, ob jemand Wahrnehmungen hat oder nicht.
Narkosetiefe
ist ein Gleichgewicht zwischen der ZNS-Depression durch narkotisch
wirkende Substanzen und der Intensität des (chirurgischen)
Stimulus(5)
Die klinischen
Zeichen sind völlig unverlässliche Korrelate hinsichtlich
der Beurteilung der Narkosetiefe
klinische
Korrelate der Narkosetiefe: (stark vereinfachtes Schema)
|
"oberflächlich"
Bewegung
Muskeltonus+
Pupillen weit, prompte Reaktion
Haut: feucht, heiß
Schwitzen, Tränen
Hypertonie
Tachykardie
Stimulus: vegetative Reaktion
|
"tief"
Bewegungslosigkeit
Muskeltonus-
Pupillen eng, träge bis keine Reaktion
Haut: kühl, trocken
Hypotonie
Bradykardie
Stimulus: keine Reaktion
respiratorische Sinusarrhythmie (vagusmediiert)
|
Koma
Definitionen:
"Tiefer , fester Schlaf, schwerster Grad der quantitativen
Bewusstseinsstörung, bei der der Patient durch äußere
Reize nicht zu wecken ist" (6)
"......gekennzeichnet durch den Ausfall jeglicher gerichteter
Reaktion auf äußere Reize"(7)
Anmassung , dass die Nichtbeantwortung eines Stimulusangebots zu
keiner Reaktion führt, bzw. zu keiner für das untersuchende
Subjekt wahrnehmbaren Reaktion - Trugschluss!. (Vgl. Röntgengerät,
dessen Signalemission zu keiner für uns detektierbaren Wahrnehmung
führt)
Das Sensorium des Untersuchers wird zum Maß eines Vorganges
herangezogen
- meines Erachtens ist eher das Sensorium des Beobachters der Gegenstand
der Messung.
Die Anaethesisten haben die Ignoranz bis in die 90er-Jahre gepflogen,
die Intensivmediziner und Neurointensivmediziner pflegen sie noch
weiter .
Wenn Sie sich ein Muskelrelaxans (8) injizieren lassen, ohne Narkotikum
selbstverständlich, werden Sie unter die vorgestellte Komadefinition
fallen -
da Sie zu keiner gerichteten Reaktion auf dargebotene Reize mehr
fähig sind und SCHEINBAR nicht erweckbar sind.
Dadurch, dass Sie keine Zeichen der Lebendigkeit an Ihren Beobachter
signalisieren können, bzw. er die Zeichen, die sie senden ,
nicht wahrnehmen kann , wird Ihnen jede Wahrnehmungs-, Empfindungs-
und Leidensfähigkeit abgesprochen !
Was ich damit
sagen will, ist, dass die Beurteilung des Wachheitszustandes
mit unseren Sinnen immer
eine Kommunikationsleistung ist, abhängig von einem
Interpreten mit all seiner Subjektivität und Sensitivität.
Vegetative state (apallisches Syndrom, akinetischer
Mutismus)
Definition:
erhaltene Spontanatmung
erhaltener Schlaf-Wachrhythmus* * (WACH !!?!!)
geöffnete Augen
kein Fixieren
keine sinnvolle* Reaktion auf Ansprechen* und Berührung *!!!
keine eigene Kontaktaufnahme zur Umwelt
*ein erneutes Beispiel für eine verunglückte Definition
!!!!
(Ansprechbarkeit !à Madonna v. Gurk ist auch "ansprechbar"!)
Def. Koma / Zieger:
"Ein Koma ist nicht lediglich ein Ergebnis einer Gewalteinwirkung,
kein passiver Zustand, sondern eine aktive, bis auf tiefste Bewusstseinsebenen
und Kernzonen des autonomen Körperselbst zurückgenommene
extreme Lebensform am Rand zum Tode" (9)
Ein Koma kann ein Sterbeprozess sein,
kann aber auch Schutzfunktion haben - in einer Zeit,
in der ein Rückzug auf ein inneres Erleben notwendig
ist,
um nach einem kritischen Ereignis
eine neue Identität, eine neue Autonomie zu gewinnen(9) - ein
Prozess !
43-54% der
Patienten im vegetative state haben das Potential sich zu erholen
- vorrausgesetzt sie werden frührehabilitiert , mit
multisensorischer Stimulation für mindestens 6 Monate,
18% zeigen eine sehr gute Erholung
12% können wieder arbeiten.
Die Annahme
von Irreversibilität beim Wachkoma ist im bioethischen Kontext
ein Urteil mit Todesfolge.
Langzeitüberlebende
wurden über Ihre Erlebnissen im Koma befragt:
Sie erlebten Beinahetod-Erlebnisse (s.u.), ein bizarres Körpererleben
(Deformierungen, ....) und berichteten, sich immer wieder an das
auslösende Ereignis erinnert zu haben
(Die eingenommenen Körperpositionen lassen manchmal Rückschlüsse
auf die Art der Gewalteinwirkung zu)
Von aussen zu
beobachten sind:
minimale Reaktionen (v.a. auf Angehörige)
primitive Automatismen (Schmatzen, Greifen, Festhalten, stereotype
Bewegungen)
diffuse körperliche Unruhe
Spät: gerichtete Kopfwendungen und Blickwendung
Reizangebote
sollen sein:
multisensorisch (alle sensorischen "Kanäle" ansprechend)
individuell bedeutsam (Lieblingsmusik, - speisen, ...)
vertraut
häufig wiederholt
dialogisch (beziehungsgebunden /nicht: Kopfhörer aufsetzen
und gehen )
Near death
events (NDE), Beinahetod-Erlebnisse
"Tiefgründiges
Erlebnis des Selbst an der Grenze des biologischen Lebens
mit Überschreiten der Begrenztheit der Ich-Empfindung, der
Raum- und Zeitempfindung(10) (z.B. nach erfolgreicher Reanimation,
bei extremer Unterkühlung, im Schock, ...)
Subjektiv: Verlassen des Körpers (OBE= out-of-the-body-experience),
Betroffene erinnern sich , ihren eigenen Körper aus Distanz
gesehen zu haben und berichten Details einer Reanimation bis hin
zu stattgehabten Dialogen des CPR-Teams. Häufig wird auch berichtet,
dass in dieser Zeit eine Lebensbilanz "gesehen" wird ,
es werden intensive Gefühle (Freude,Glück,...) empfunden,
transzendentale Erlebnisse werden berichtet ("Übertreten
in ein wunderbares Reich" "Kontakt mit bereits Verstorbenen"(Verwandte,
Feunden,
"Lichtwesen"), der Gedankenstrom in dieser Zeit sei auffällig
rasch.
Seit den 30er-Jahren sind diese Phänomene bekannt und wurden
den verschiedensten Deutungen unterworfen (z.T. esoterischer oder
spiritueller Natur, bis zu Kindheitstraumen ) - das menschliche
Kausalitätsbedürfnis scheint eher wunderliche Erklärungsversuche
generiert zu haben als nüchterne Beschreibungen - das Internet
gibt Zeugnis davon !
Erklärt
wird diese Art von Erfahrungen durch das Phänomen der Dissoziation,
ein durchaus physiologisches Phänomen, das jedem der Art nach
bekannt sein dürfte:
(Beispiele für Dissoziation:
A) Kino/Fernsehen :
so intensiv von der Handlung gefangen sein, dass man unmittelbar
in der Umgebung stattfindende Ereignisse nicht mehr wahrnimmt (Fokussierung
der Aufmerksamkeit, Gerichtetheit, Selektivität der Wahrnehmung)
B) Gedankenverlorenheit
(Überraschung, dass man örtlich wo anders ist)
C) Hypnose
(Aufmerksamkeit auf Inneres Erleben gerichtet - unter Zuhilfenahme
der Imagination/Vorstellung)
D) Kriegsverletzungen
E) ein anderes Phänomen ist die "verzerrte Zeitwahrnehmung
- wenn
1.) z.B. die Zeit wie "im Fluge vergeht"(z.B. in Anwesenheit
einer
attraktiven Person, an die sich Ihr Interesse heftet)
oder
2) die "Zeitdehnung" , die bei Notfällen auftritt
(Sturz, Autounfall),
das Empfinden, dass alles "wie in Zeitlupe " abläuft.
J. Eccles meint, dass auf diese Art das Bewusstsein das Zeiterleben
in kleine Stücke aufgliedert, um am besten dem Notfall zu begegnen
und die richtigen Entscheidungen zu treffen.
In solchen Fällen, auch wenn sie sich blitzartig ereignen,
wird eine markante Gedächtnisspur gelegt - und wir spielen
das Ganze, gewollt oder ungewollt immer wieder durch und verknüpfen
sie mit Emotion.
Andererseits ist für die Zeit um ein Trauma häufig eine
Amnesie rund um die Ereignisse zu beobachten - gleichsam
im Sinne einer Schutzfunktion für das Ich durch eine überwältigende
Bedrohung)
Auch beim NDE
wird die Dissoziation als ein adaptiver Vorgang aufgefasst
,
zur Bewältigung eines unerträglichen körperlichen
oder emotionalen Traumas -
Dissoziation
wurde bei Unfallopfern, Gefangenen, Geiseln, Gefolterten und Vergewaltigungsopfern
beschrieben.
In extremen Fällen führt sie zur Amnesie oder zu völlig
verzerrter Erinnerung an ein Geschehnis.
Häufigkeit/NDE - abhängig von der Methodik der Nachuntersuchungen
:
9-72% aller "Beinahetote
psychologisch gesund
Dissoziation kann auch ein Symptom einer psychischen Erkrankung
sein (schizophrener Formenkreis)
Ursache unklar (Dissoziation der Selbstidentität von Emotionen
und
Gefühlen ???)
Ethische Aspekte zum Umgang mit Nichtwachen Menschen
Wir haben ohne Not und Zwang den Umgang mit Menschen in den Grenzbereichen
menschlicher Existenz gewählt.
Wir haben uns ausgesucht oder bereiterklärt ,
oder auch damit abgefunden, für diese Menschen Verantwortung
zu übernehmen.
Verantwortung
für Ihre existentiellen vitalen Interessen und Bedürfnisse:
Die Aufrechterhaltung des Kreislaufs
der Atmung
anderer in 2. Linie wichtiger Körperfunktionen
und Verantwortung für das Zentrum der Identität, der Ichempfindung,
der Individualität und des Menschseins bis in die letzte juristische
Bedeutung ( nachdem der Hirntod dem Tod des Individuums
gleichkommt)
Der Zweck
von Intensivstationen ist es, vitale Funktionen, die vorrübergehend
beeinträchtigt sind, zu ersetzen oder zu unterstützen.
Der Verantworung für das Bewusstsein wird nur in mittelbarer
Weise Rechnung getragen :
Seinen Notwendigkeiten wird gleichsam als Nebeneffekt der Behandlung
anderer Vitalfunktionen genüge getan.
Bruno Simini,
Anaesthesist aus Lucca in Italien, schreibt in der Milleniumsedition
des LANCET , dass die 2 Säulen der Anaesthesie und Intensivmedizin
SICHERHEIT UND KOMFORT heissen (11)
Unsere Aufgabe
ist es , den Organismus zu schützen, in jeder erdenklichen
Weise, vor allen schädigenden Einwirkungen - Aspiration, Hypoxie,
Azidose, Malnutrition, Stuhlverstopfung, Infektionen usw.
Darüber
hinaus ist der Komfort und das Wohlbefinden unserer Patienten
unser Anliegen.
Der Mensch
lebt aus seiner Dialog- und Beziehungsfähigkeit und
auch der Mensch im tiefsten Koma ist ein lebendiger Mensch.
Nach Erich
Loewy, Prof. für Sozialethik in Sacramento, Kalifornien
,
wird von sterbenden Menschen die gefragt wurden, was "ein Schicksal,
das schlimmer als der Tod wäre", geantwortet :
Der Verlust der Freiheit(11), der Verlust des Selbstbestimmungsrechts,
der Autonomie, für sich Entscheidungen treffen zu können
und sein Leben nach seinem Stil zu gestalten, zu kreieren ("Das
Leben als Kunstwerk")
Wird man dieser Bedürfnisse beraubt, sei es wie ein "lebendig
begrabensein".
Ein Zustand schlimmer als das Nichtsein, der Tod.
Ungeplante, unerwartete Selbstextubationen auf Intensivstationen
sind meist damit begründet, dass die Patienten in einem Zustand
der Not sind:
Die Häufigkeit wird mit 10% aller Extubationen angegeben (13)
Risikofaktoren sind : zu geringe Sedierung, schlechte Tubusfixierung,
Wachheit nachts, zu lange Intubation, Patientenfixierung ("Schutzfixierung")
chron. Lungenversagen.
Nur 1/6 der Selbstextubationen sind zeitlich mit Pflegehandlungen
assoziiert.
Sie führen nur in weniger als 50% zu einer Reintubation,
was die Überflüssigkeit der Maßnahme für die
letzte Zeit vor dem Ereignis beweist.!
"Ob der
Aufenthalt auf einer Intensivstation für einen Menschen die
letzte Station seines Leben sein wird, sei dahingestellt , für
manche ist er es -
Sollen die anderen, die diesen Aufenthalt überleben, dies tun
mit einer Erinnerung an Festgehaltenwerden, Schlaflosigkeit, Einsamkeit,
Hunger, Durst , Kälte und Schmerz ?" (B.Simini)(14)
Die Qualität
des Lebendigseins in diesen Situationen ist kaum messbar -
aber durch unsere Fähigkeit zur Empathie vorstellbar -
Ein Behandlungsauftrag für diese Aspekte der Pflege und der
Medizin ist nicht durch wissenschaftliche Methodik begründbar
.
Textpassagen
aus Heller/Vogel "Überhaupt nicht komisch", Roman
eines Betroffenen (15)
"Meine
Klagen, wie sie im Krankenblatt festgehalten wurden, richteten sich
auf die ständige Geräuschbelästigung, auf die Unfähigkeit
zu schlafen, was einer der Ärzte alles unter dem Stichwort
"Ambiente der Intensivstation" zusammenfasste."
"Ich
stierte fasziniert auf die Uhr, und abends litt ich Qualen, wenn
die Schwestern auf dem Stationszimmer Unfug trieben. Deren Anblick
sowie den der Uhr konnte ich vermeiden, indem ich den Vorhang zu
meinem Bett zuziehen ließ, doch das wiederum ertrug ich auf
die Dauer nicht, denn dann kam ich mir ganz isoliert vor. Ausgeschlossen
zu sein war entsetzlich, zugleich aber wollte ich nicht gestört
werden."
"Ich
würde die Musik hören können, vor dem Lärm geschützt
sein, der hier unvermeidlich war, als da waren das Brummen der Maschinen,
das unablässige Kommen und Gehen, die Gespräche in den
Zimmern der Schwestern, vor allem aber das grauenhafte Gequäke
des dort unablässig laufenden Radios."
"Ich
beklagte mich täglich bei den Ärzten über den Lärm
auf der Intensivstation - die Lichter wurden nachts gedämpft,
die Stimmen aber nicht - und dass ich nicht schlafen konnte , machte
mir angst und setzte mir mehr und mehr zu.
Der diensthabende Arzt vermerkte für diesen Tag: "Patient
übermäßig deprimiert!"
(Hervorhebungen/ Weixler)
"Ich hege wirklich längst die Meinung, dass die Quantität
Lärm, die jemand
unbeschwert vertragen kann, in umgekehrten Verhältnis zu seinen
Geisteskräften steht, und daher als ungefähres Maß
derselben betrachtet werden kann." (A.Schopenhauer)
Die Patienten
können sich kaum vor der Beschallung schützen ,
ihre Reaktionen sind Verwirrung, Rückzug, Amnesie und Unruhe.
Die Rhythmizität ist eine Eigenschaft aller biologischen Systeme,
angefangen bei Ebbe und Flut, den Jahreszeiten, bishin zur Aktivität
der Agonisten-Antagonisten Sympathicus und Parasympathicus, Wachheit
und Schlaf.
Der Ruhe und
der Schlaf der Patienten sind meines Erachtens genauso schützenswert
wie der Atemweg und die regelmäßige Ausscheidung.
Wozu der Schlaf
gut ist - der Bruder des Todes - wissen wir nicht, sagt John Eccles
-
unsere Unwissenheit ist unermesslich .
"Letzterklärungen gibt es nicht. Wir müssen und damit
abfinden, dass wir in einer Welt leben, in der fast alles, was wirklich
bedeutend ist, im wesentlichen unerklärt bleibt" (Karl
Popper)
"Ich glaube,
dass meiner Existenz ein grundlegendes Mysterium anhaftet, das jede
biologische Erklärung überschreitet" (John Eccles)
_________________________
Literatur:
(1). Lurija
AR: Das Gehirn in Aktion, Einführung in die Neuropsychologie,
PIPER 2000
(2) Popper KR, Eccles JC: Das Ich und sein Gehirn, rororo1998
(3) Heimito von Doderer: Die Merowinger oder die totale Familie
,dtv 1999
(4) Steriade M, McCarley RW.Brainstem Control of wakefulness and
sleep. London:Plenum Press 1990
(5) Jones JG: Perception and memory during general anesthesia, British
Journal of Anesthesia 1994;73:31-37
(6) Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 257. Aufl.,Wilhelm
de Gruyter 1994
(7) Hopf HC, Deuschl G, Diener HC: Neurologie in Praxis und Klinik,
BD.1, Thieme 1999
(8) Weixler D : Notfallmedikamente, Facultas 2000
(9) Zieger A: Neue Forschungsergebnisse und Überlegungen im
Umgang mit Wachkomapatienten,
Rehabilitation 37(1998) 4, 167-176
(10) Greyson B: Dissociation in people who have near-death experiences
: out of their bodies or out of their
minds, THE LANCET Vol 355 , 460-463
(11) Simini B: The two pillars of anesthesia, THE LANCET 1999,354
suppl:SIV6
(12) Loewi EH :The ethics of terminal care: orchestrating the end
of life; Kluwer Academic/Plenum publishers
(13) Boulin T: Unplanned extubations in the adult intensive care
unit. AM J Respir Crit Care Med 1998;157:113
(14) Simini B: Unexpected self extubations, THE LANCET Commentary
Vol 352,N r9129 , aug29th 1998
(15) Heller J, Vogel S: Überhaupt nicht komisch, Fischer TB
1996
(16) Lydic R, Piebuyck JF: Sleep neurobiology: relevance for mechanistic
studies of anaesthesia,
British Journal of Anaesthesia 1994;72:506-508 (editorial)
Dr. Dietmar
Weixler, 16.11.2001
|